2. der Spiralprozess und seine fünf Phasen

                                                                          1. Phase - Präparation

         Der Anspruch auf Durchführung des Experimentes und die Vorbereitung von dem Arbeitsmaterial

1.1. Präparationphase als Vorbereitung für das Experiment:

Der Antrieb zu meiner Werkstattreise hatte die folgenden Motive im Mittelpunkt – das Überprüfen des spezialisierten Wissens, die Suche nach erweiteren Formen der Zeichnung in dem Medium Papierschöpfen, die Optimierung des Arbeitsmaterials und den kollegialen Austausch. Die Bereitschaft zum Rekonstruieren vergessenen traditionellen Handwerkswissens und zum Umgehen mit Misserfolgen und Frustrationen ist vorhanden.

 

Mein Zielpunk ist München als Kulturmetropole, wo zwei Werkstätten außerhalb von akademischen Bildungsinstitutionen für Papierschöpfen und Steindruck mir zur Verfügung stehen.Die weiterfolgenden Spiral-Phasen sind in die zwei Arbeitsaufenthalte zure Auseinandersetzung mit den entsprechenden Materialien geteilt – einer für die Papierwerkstatt (Papier) und einer für die Steindruckwerkstatt (Stein).

 

Die zwei künstlerischen Vorgehensweisen unterscheiden sich in Bezug auf die unterschiedliche Charakteristik des Materials, die Zeitdauer bis zum Erreichen des Ergebnisses, die Handgriffe, die man vornimmt, wenn ein „Fehler“ unterläuft und auch in Bezug auf meine persönliche Erfahrung. In der Lithographie kann ich auf ein fundiertes Grundwissen aus meiner 7jährigen Druckerfahrung zurückgreifen, während das Papierschöpfen für mich noch mehr im Stadium von Spontaneität und Experiment ist, weil ich mich hier seit 2022 noch in einer Kennenlernphase befinde und bis dahin nur der Technik des Blattschöpfens beherrschte. Der Aufenthalt in einer Lithografie-Werkstatt erfolgte direkt nach der Arbeit in der Papierwerkstatt.

1.2. Präparation im Arbeitsprozess: Bei der Ankunft in der neuen Werkstatt wurden zuerst die Materialien für die Arbeit vorbereitet. Diese Schritte beinhalten das theoretische und das Körperwissen, die ein Gefühl für Zugehörigkeit an dem neuen Ort geben. Die Präparationsphase baut einen „fester Grund zum Ankommen“ auf.

Papier:
Entscheidung über Menge, Papierfaser und 10 Farben. Die Papierpulpe wird eingeweicht, zerhackt und eingefärbt. Die Kozofaser wird gekocht und in die gewünschten Konsistenz geklopft.

Stein:

 

Ich plante kleinfomatige und großformatige Bilderserien aus möglichen Kombinationen mit unterschiedlichen Steinen und dementsprechenden Motiven. Die Vorbereitung enthält das Aussuchen vom Steingröße und Entscheidung über die Anzahl der Steine; das Schleifen des Steins, die Auffrischung der Walze und die Zubereitung der Ätze. Die Farbe wird unmittelbar vor dem Druckgang ausgesucht. All diese Handlungen sind ein Bestandteil meines künstlerischen Handwerks- und Körperwissens und eine „feste Basis fürs Ankommen".

2. Phase - Inkubation

kreatives Handeln, Kennenlernen vom Materie und Erkennen der Problematik

„Gemeinsam ist allem Neuen, dass es Staunen und Verwunderung erregt, da es nicht nahtlos in die überlieferten und gewohnten Muster passt […]. Neuheit erregt Neugier, im besten Falle im Sinne von Wissbegierde, mehr darüber zu erfahren, was diese Neue ist, was denn so neu am sogenannten Neuen ist, und was es überhaupt heißt, von „Neuem“ zu Sprechen.“1

1 Peres (2020) S. 9

Papier – technische Suche:

In Papierwerk Glockenbach habe ich zwei weitere Techniken für Papierschöpfen kennengelernt – das Hineingießen und das Sprühen. Dabei entstehen für mich noch unbekannte visuelle Effekte und grafische Möglichkeiten. Das Neue, das Unbekannte war das visuelle Erlebnis.

 

Die Neugier entwickelte sich hieraus! Die Suche nach fester Form und Strich brachte mich dazu, viele Arbeitsproben mit den neuen Effekten anzufertigen. Beim Tun entwickle ich neue gestalterische Reaktionen und neue Handgriffe (also auch neues Körperwissen). Diese Techniken sind für mich im Vergleich zum Blattschöpfen viel schwieriger zu kontrollieren und erlauben das „besessene“ Experiment, um eine neue ansprechende ästhetische Formel aus den beobachteten Effekten zu entwickeln. Die Papiermasse wird zum „Problem“, das eine Lösung (Kontrolle) verlangt, um die angestrebte Komposition zu entwickeln.

... eine bestimmte Struktur des intentionalen Erkennens, das über das Vergleichen von verschiedenen Konstellationen Analogien sucht, indem es Übereinstimmungen und Nicht-Übereinstimmungen entdeckt.“2

2. Peres (2020), S. 11

Stein – gestalterische Suche:

Im kreativen Prozess diente die künstlerische Idee als Vision oder Vorstellung davon, was das endgültige Kunstwerk sein könnte. Der gestalterische Antrieb entwickelt sich vor dem Hintergrund von Zeichnung, Komposition, Form und der Möglichkeit, diese einzelnen Elemente frei zu kombinieren. Diese ausgefeilte künstlerische Arbeitsweise bildet die Grundlage meiner Malerei, aus der sich stets neue Bildideen und Werke entwickeln.

Parallel zu der Entwicklung eines Bildes stellt sich ein technisches „Problem“ ein: Der neue Arbeitsort verfügt über andere Arbeitsmaterialien, wie Druckfarbe, Walzen und Chemikalien. Dazu ist das Klima in die Werkstatt viel wärmer als gewohnt, infolgedessen reagieren der Stein und die Druckfarbe anders während des Druckens. Ich muss in der Konsequenz meine Strategie ändern, indem ich statt vieler Farbexperimente den Fokus auf einen farbigen großen und 5 kleine schwarz-weiße Steine richte.

                                                                                  Ergebnisbeispiele

Papier (grafische Effekte):

Wasserzeichnung auf dem Sieb

 Pulpzeichnung beim Hineingießen 

 Lichtzeichnung beim Sprühen

Stein (Bilderserie):

Kopf, Variation 1, 2023, Steindruck

Kopf, Variation 2, 2023, Steindruck

Kopf, Variation 3, 2023, Steindruck

                                                                                          3. Phase - Illumination

Die „Illumination“ nach Tietze beizeichnet das “Aha-Erlebnis“ bei einer gestalterisch zufriedenstellenden Kohärenz der Elemente, den Moment also, in dem eine Lösung für die untersuchte bildnerischen Problematik aufscheint. Die Suche nach einer Balance zwischen festem Grund in der neuen Erfahrung und der Lösung der aufgetauchte Problematik bedingt in diesem Fall das Aha-Erlebnis.

Papier:

Nach 3 langen Arbeitstagen, die mit viel Verzweiflung aufgeladen waren, suchte ich nach einem Rückzugsort und besuchte die Sammlung des Lenbachhauses. Als ich vor einem Bild von Asger Jorn stand und seinen Mut im Farbauftrag und in der Kombination von Effekten und Farben sah, kam das Aha-Erlebnis. Es vermittelte mir ein Gefühl von Freiheit in Bezug auf die gestalterischen Hauptkomponenten – Zeichnung, Farbe, Form. So griff ich die mir naheliegendste Komponente von allen dreien auf – die Linie. Ich fing an, zeichnerisch statt technisch an das Blatt Papier heranzugehen. Ich übergab mich dem Überraschungsmoment der Bilder, indem ich die Papierpulpe nicht mehr als Effekt, sondern als „Stift zum Zeichnen und Gestalten“ einsetzte.

Atelierumzug, 2023, Pulp Painting, 130 x 70 cm

Stein:

Die begrenzte Aufenthaltszeit und die durch das Wetter bedingten technischen Probleme erzwangen eine Reduktion der möglichen Bildkombinationen. Dadurch entstand mehr Raum, um die vorher angefertigten Pulp-paintings mit Litho zu bedrucken. So traf die Zeichnung auf dem Lithostein auf die die Papierzeichnung. Die Zeichnung war in der Materie der beiden Medien verkörpert. Schwarze Druckfarbe traf bunte Papierpulpe, woraus sich ein Gespräch zwischen den beiden Kunstaufenthalten materialisierte.

Kollaboration, 2023, Steindruck auf Pulp Painting, 60 x 50 cm

4. Phase - Realisation

Konkretisieren und den Lösungsaspekt verdeutlichen, Üben und Erproben des Lösungsgedankens

Die erste Analyse unmittelbar nach dem Aha-Erlebnis findet teilweise noch während des Schöpfprozesses statt. Nachdem das Überraschungsmoment eingetreten ist, erwacht der künstlerische Instinkt zur Weitererforschung, wodurch er die neue „Erfindung“ seine künstlerischen Überlegungen und Zielen annähert. Das Aha-Erlebnis wird immer klarer in einer Bildsprache übertragen, in der das Alte und das Neue einander begegnen. Der Umsetzungsprozess dauert manchmal Monaten oder Jahren nach dem Ende des Aha-Erlebnisses, oder wird zum dauerhaften Begleiter im künstlerischen Tun.

Die Realisierungen sind Arbeitsproben, Notizen, Feststellungen, oder ein weiteres Kunstwerk, in dem die neue Komponenten immer klarer werden.

 

Die Realisierungsphase ist oft mit der Verifikationsphase verflochten.

Ergebnisse aus der Realisationsphase:

Striche, 2023, Pulp Painting, 130 x 100 cm

Wanderer, 2023, Steindruck auf Pulp Painting, 150 x 70 cm

5. Phase - Verifikation

Überprüfung der so gewonnenen neue Ebene, die Suche nach einer Balance zwischen festem Grund und neuer Erfahrung

Der Moment der Verifikation fängt dann an, wenn der

Künstler zwei Schritte von dem Erlebnis zurücktritt, um

seine Ergebnisse mit neuen Augen und frischem Kopf

zu betrachten. Der Prozess ist abgeschlossen und liegt meist in der unmittelbaren Vergangenheit.

 

Verifikation kann auch inmitten des Prozesses stattfinden,

indem der Künstler das Neue in Rahmen des eingeübten „alten Wissens“ (Körperwissen, künstlerische Begriffe, Kompositionsgrundlagen) einsetzt und seine Legitimität prüft.

 

Der Prozess der Verifikation ist ein zweiseitiger Prozess,

wo das Neue und das Alte sich gegenseitig überprüfen und aneinander anpassen. Üblicherweise tritt die

Verifikationsphase spätestens bei einer Ausstellung ein, wo die „neue Arbeit“ neben „einer alten“ oder fremden Arbeit

hängt.

 

 

Nach der Zusammenstellung von Zeichnung, Aha-Erlebnis und Tuschemalerei resultierte aus der Verifikationsphase dieses Ergebnis:

eine Art Selbstbildnis in 3 Teilen –

- die Zeichnung( Gedanke, Kopf),

- Aha-Erlebnis (Bauchgefühl)

- Tuschemalerei mit Musen3 (fester Grund, Erde)

 

 

3. Begriff ( aus der griechische Mythologie) für die Göttinen, Inspiratoren und Förderer der Poesie, Kunst und Wissenschaft. Mit diesem Begriff bezeichne ich meinen persönlichen Antrieb für Schöpfen, die Sinnlichkeit für bestimmte Materie und die Neigung für bestimmte Formen und Motive. Dieses Phänomen steckt im Mittelpunkt der Kunstwelt und doch noch so mysthisch, höchstperönlich und nur halbwegs greifbar.