Schub 3

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Entwicklungen seit September

Das halbe Dutzend Pakete mit Kastanien kam wohlbehalten in Graz an. Ich musste erst einmal Flächen in meinem kleinen Atelier finden, um sie zum trocknen auszubreiten. In den ersten zwei Wochen gab es immer wieder Ansätze von Schimmel. Eine Weile habe ich versucht, die Stellen nach der Reinigung mit Alkohol (Ethanol) zu besprühen. Alternativ mit einer Heißluftpistole die letzte Feuchtigkeit schneller herauszuziehen.

Jedenfalls war es mit der grünen Farbe bald vorbei, nach und nach wurden die Kastanien grün, und vor allem sprangen doch viele noch weiter auf als Nebeneffekt der Trocknung.

Der Hohlraum ist in etwa von einer Größe, der das Einklemmen von Piezoschallgebern erlaubt. Ich stelle mir nun vor, dass es ein Feld mit einer Kombination geschlossener und geöffneter Kastanien gibt, wobei die geöffneten mit den eingeklemmten Piezos als Lautsprecher (Leisesprecher) dienen.

Die Kastanien sind ein interessantes Arbeitsmaterial, weil sich alles noch in Veränderung befindet. Ich hatte ursprünglich gedacht, die tauben Kastanien enthielten keine Samen, allerdings sind doch kleine Kerne darin. Eine Arbeit war, diese auszulösen, ich wollte sie nicht mehr sichtbar haben. Man muss aufpassen, dass die Hülsen nicht brechen. Auch habe ich versucht, die bereits recht weit offenen Kastanien wieder zuzudrücken, was umso schwieriger wird, je trockener sie sind. Eine Weile habe ich damit experimentiert, die Öffnung wieder mit Klebstoff zu schließen. Das ist eine zeitraubende Arbeit, man muss die einzelnen Kastanien zum Trocknen in kleine Schraubzwingen geben.

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Gläser?

Nur durch Einklemmen der Piezos in ein organisches Material wird natürlich der Klang noch nicht verstärkt. Ich muss entscheiden, ob mir der Piezoklang so ausreicht – eventuell durch die Menge an Piezos schon – oder ob ich ihn insbesondere zu den tiefen Frequenzen hin verstärken will, indem die Piezos an eine harte Oberfläche gekoppelt werden. Also wie bei der Arbeit "Reticules" vielleicht auf ein Glasplättchen. Ich habe noch die schmalen 12cm und 2mm dicken Reste übrig und mache ein paar Versuche. Es ist schon deutlich besser, aber unklar, wie das Ganze mit den Kastanien zusammengehen soll.

Auch hat Naya mir einmal eine Schachtel mit quadratischen (und noch dünneren – ich denke 1mm dicken) Diagläsern geschenkt. Die habe ich noch nicht ausprobiert.

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Wachs

Ich habe den Plan mit dem Zukleben aufgegeben. Stattdessen habe ich eine andere Idee, den inneren Hohlraum zu füllen. Ich würde die Kastanien gerne "opak" haben. Ich mache einen ersten Test mit dem Wachs einer Kerze, die herumliegt. Das erzeugt eine ganz eigene Textur, es geht klar Richtung Haut.

Ich denke an Margos Interesse an dem Versiegelungswachs bei unserem Vor-Ort-Besuch. Ich bestelle eine ganze Batterie dunkelrotes Wachs, ich habe in etwa das Volumen berechnet, das ich befüllen muss. Erste Versuche sind etwas "messy", aber es funktioniert, ich habe ein Wasserbad, innerhalb dessen das Wachs geschmolzen wird, dann nehme ich eine Plastikpinzette zum Einträufeln in die Kastanien. Ich finde billige Großpackungen an Pinzetten, die halten nicht besonders lange, je nachdem wie oft man versucht, sie mit heißem Wasser auszuspülen (Wachsreste sammeln sich sehr schnell an). Das Einträufeln ist nicht ganz einfach, oft rinnt das Wachs aus den Kastanien hinaus. Das Endergebnis gefällt mir aber, ich denke es wird gut funktionieren mit dem Rot auf einer ganzen Fläche. 

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"Twigs"

Das noch zu lösende Hauptproblem ist die Form, in welcher die Stachelfläche im Raum hängen wird. Zuerst dachte ich an ein Drahtgeflecht. In jedem Fall wird man zahlreiche Aufhängungspunkte brauchen, wenn man nicht will, dass die Fläche "durchhängt".

Etwas später als die Kastanien habe ich die kleinen Zweigchen entdeckt, die mit von den Bäumen abgeworfen werden, diesmal sind es Rosskastanienbäume in Graz. Es ist auch ein ganz spannendes Material, da es eine bestimmte Spanne von Längen und Durchmessern gibt, jeder Baum wirft hunderte davon ab.

Ich stelle mir vor, ein Gitter von Zweigchen zu bauen, basierend auf einem Rastermaß von ca. 2 x 2 cm, der Raumbreite von 240 cm und einer Tiefe von vielleicht der Hälfte der Breite habe ich Zahl der Ästchen berechnet, die ich sammeln muss. Ich komme zu 42 x 45 cm großen Feldern, aus denen die Fläche aufgebaut werden soll. Dann braucht man für eine Querstrebe in der Regel drei Ästchen (bei besonders langen reichen zum Teil auch zwei). Also rund 120 Ästchen pro Feld, bei 6 x 3 Feldern also gut 2000 Ästchen. Später merke ich, dass ich nur fünf Felder in der Breite brauche.

Den Ästchen geht es so wie den Kastanien, als organisches Material verändern sie sich über die Zeit. Der Bildvergleich zeigt eine Woche Trocknungszeit.

Die Arbeit ist (mal wieder) sehr zeitaufwendig. Ich verwende meinen geliebten gegühten Eisendraht (Blumendraht) um die Astfragmente zu 42cm Stücken zu verbinden und um das Raster zu erzeugen. Jedes Feld von 42 x 42 cm ist in etwa acht Stunden Arbeit. Zum Zeitpunkt, wo ich dies schreibe, habe ich acht der fünfzehn Felder gebaut.

In unserem Labor für künstlerische Forschung an der GMPU in Klagenfurt habe ich einen Testaufbau begonnen, der Grundriss der Gefängniszelle iste am Boden mit gelbem Tape markiert. Aufhängen der Äste ist schwierig hier. Als erste Lösung verwende ich die Sammlung an Skulpturenständer aus Eisen, die wir im Laufe der Zeit angesammelt haben. Wir haben auch einen brandneuen 3D-Drucker im Labor, damit kann ich kleine Adapterplättchen drucken, um die Gitter gut zu halten.

Trotzdem stelle mir nach wie vor vor, dass in der Installation dann die Gitter an Nylonfäden von der Decke hängen, auch in einer größeren Höhe als den 20cm, die die Skulpturenständer hergeben. Man merkt jetzt auch, dass sie sich bereits nach etwas Stehen durchwölben (noch bevor irgendein Gewicht der Kastanien darauf wirkt), aber das stört mich nicht.